Posted on 21. Jun. 2012

Als Bübchen und ich neu in Stockholm waren, haben wir uns richtig verlaufen, ohne es zu wollen. Von morgens an, den ganzen Tag. Wir konnten kein Wort Schwedisch. Erst abends brachten uns Leute zurück zu den Pflegeeltern, deren Adresse wir nicht mal hatten. Nur den Namen. Das waren dänische Juden. Ein lauter Mann, der mich aus Spaß kniff bis ich blau war, und eine große Frau mit leuchtend rotem Haar. Opernsängerin. Sie spielte dauernd “Für Elise“: dadadada-dada-dada-dam… Ich dachte, die hätten sicher die Polizei geholt und uns überall suchen lassen. Daß sie dann schimpfen und schreien würden, vielleicht uns sogar schlagen. Aber es war viel schlimmer. Sie hatten nicht mal gemerkt, daß wir weg waren. Von da an wußte ich, daß wir allein sind. Ein für allemal.

Ich hatte in Stockholm als Heiligstes alle Briefe und Fotos von Mutti in einem Schuhkarton. Auch die fünf Postkarten aus dem Warschauer Getto. Alle am gleichen Tag geschrieben. Als sie nach Treblinka mußten. Es war wie Noch-einmal-aus-dem-Fenster-Rufen bei Brand. Mit Riesenbuchstaben: „Auf Wiedersehen! Schalom! Wir lieben Euch! Wir denken immer an Euch! Seid brav und nicht traurig!“ Alles im Karton hab ich oft am Tag gestreichelt und abgeküßt. Da sagte unser Vormund, Farbror Sigge: „Du wirst trübsinnig“, und verbrannte den ganzen Karton mit Inhalt. Durch diesen Verlust gewarnt, trug ich jahrelang von morgens bis abends, erst in großen Taschen, später in Koffern, alle meine Fotos mit mir rum.

Als Bübchen und ich ganz neu in London waren. Ich konnte schon Englisch. Aber er kein Wort. Ich nahm ihn mit in den Orkus der Underground. Wir genossen jede Sekunde, die wir jetzt zusammen sein konnten. Wir wohnten auch hier, die erste Zeit, nicht zusammen, sondern getrennt in jüdischen Waisenheimen. Erst später zusammen, weil Uncles Wohnung noch zerbombt war. Wir hielten uns immer aneinander fest, wenn wir zusammen waren. Aber in dem Wahnsinns-gedränge vor der Underground wurde er reingedrückt und ich raus. Die Türen schlossen sich. Ich sah Bübchen, winzig klein, mit vor Angst aufgerissenen Augen unter den blonden Locken und offenem Mund. Ich geriet in Panik. Rannte schreiend von einem Aufsichtsbeamten zum andern. Die telefonierten rum, und ich konnte ihn an einer anderen Station wieder umarmen. Wir haben vielleicht geweint! Was für ein Glück, daß er nicht aus dem Zug gefallen ist. Oder in der Millionenstadt verloren gegangen war! Diese Scheiben, die einen trennen! Wie im Gericht. Ich hab später noch öfter mit unzerbrechlichem Glas zu tun gehabt.